Wien: EUGEN ONEGIN, Staatsoper, 4. Juni 2009,
Der Neue Merker 06/2009, S. 19

Wie ähnliche Opern des ausgehenden 19. Jahrhunderts ("Werther", "Manon", "Pique Dame", "Louise"), behandelt "Eugen Onegin" gesellschaftliche Probleme der Zeit und ist heute schwer zu inszenieren. Tschaikowskys Musik - wie die Massenets - gehört zum Romantisch-Emotionellsten der Opern-Litteratur. Die Gefahr besteht deshalb, dass die Aufführung in weinerliche Sentimentalität und unerträglichen Kitsch abgleitet. Das war sicher nicht der Fall an diesem Abend - eher das Gegenteil.

Dass die Vorstellung nicht in Trostlosigkeit endete, ist vor allem dem Dirigenten des Abends, Seiji Ozawa, zu danken, der aus der Emotion der Musik dramatische Steigerung ziselierte und die Intensität der Gefühle heraus zu arbeiten wusste, ohne je der Gefahr des Kitsches nahe zu kommen. Nach "Pique Dame" im vergangenen Herbst, plant Ozawa anscheinend Tschaikowskys Opern - die ja ziemlich vernachlässigt werden und die genannten Gefahren nicht immer überstehen - wieder salonfähig zu machen. Man kann nur hoffen, dass er auch weniger bekannte Werke, wie "Mazeppa" oder "Iolanta" herausbringt. Das wird aber nur gelingen, wenn er sich bessere Regieteams findet. Denn bereits "Pique Dame" war szenisch ziemlich trostlos (siehe Merker 10/2008).

Diesmal wurde die "Verdrängung" der Emotion auf die Spitze getrieben und das Geschehen auf der Bühne war von arktischer Kälte. Falk Richter, der für die Inszenierung verantwortlich war, war von einem Bühnenteam umgeben, das erst am Schluss Gefühle aufkommen liess. Das Bühnenbild von Katrin Hoffmann war von erschütternder Eintönigkeit und Kälte. Eine schwarze flache Stiege beherrschte alle Bilder vor einem schwarzen Hintergrund. Möbel aus Eis-Quadern (jedenfalls erschienen mir diese als solche) wurden aufgetürmt, um nach Bauklotz-Methode Tatianas Zimmer zu bilden. Oder war es ein Projekt für eine Station einer zukünftige Verlängerung der U-6 ins Marchfeld? In der Festszene bei Larina stand in der Mitte ein langer Tisch oder Konsole, denn es waren anscheinend auch Speisen drinnen, was an einen Tiefkühltruhe eines Schickeria-Ladens erinnerte. In der Duellszene, stand diese Truhe schräg über die Bühne, teilweise mit Alu-Folie bedeckt, auf der die Kontrahenten ihre Pistolen ausbreiteten.

Dazu kamen meist schwarze, bestenfalls graue, Kostüme von Martin Kraemer, die ebenfalls nicht zum Auftauen des Geschehen beitrugen. Die Kulaken von Larinas Latifundien waren in - natürlich - schwarze Joppen gekleidet und trugen dunkelblaue Werkzeugkanister (wozu?). Die einzige, die rote und rostbraune Kleider tragen durfte, war Olga. Tatiana trug ein blaues Ballkleid im 1. Akt, während sie am Schluss in einen goldenen, pelzbesetzten Mantel auftrat. Carsten Sander beleuchtete all dies entsprechend trübsinnig. In dieser nicht gerade stimulierenden Atmosphäre - ausser in den Innenräumen schneit es auch meistens (wir sind ja in Russland!) - hatte der Regisseur natürlich Schwierigkeiten eine passende Interaktion der Hauptpersonen zu finden. Das war bereits im Konversations-Quartett im 1. Akt der Fall. Tatiana schrieb ihren Brief abwechselnd auf einem der Eisblöcke oder auf dem Boden - obwohl es einen kleinen Eis-Schreibtisch gab. Zum Glück war die musikalische Seite ausgezeichnet. Von Dirigenten Seiji Ozawa hervorragend unterstützt, sangen die Sänger und der Chor (Leitung Thomas Lang) blendend. Allerdings hat die eher trübsinnige Inszenierung den Enthusiasmus der Sänger erheblich gedämpft, das so weit ging, dass ihre Darstellung an vielen Stellen kaum glaubhaft war. Das trifft vor allem für den absolut perfekt singenden Titelhelden Simon Keenlyside zu, dem erst nach dem Duell der Knopf auf zugehen scheint, wenn er den toten Lenski in seine Arme schliesst. Bereits sein erster Auftritt war voll kühler Distanz, der unnahbare Snob, der nur seinen Spleen kultiviert, war nicht sonderlich beeindruckend. Das galt weniger für Tatjana, die Tamar Iveri schon in der Briefszene als das überspannte junge Mädchen zeichnen konnte. Besser zog sich Zoryana Kushpler als Olga aus der Affäre; sie sang nicht nur wunderbar und liess ihren schönen warmen Mezzo strömen, sie spielte auch die leicht lebige Schwester mit Temperament - wie erwähnt - in farbigen Kleidern. Ein eigener Fall war der Lenski von Ramon Vargas, der zu Beginn hörbare Intonations-Probleme hatte, mehrmals zu tief sang und in der Liebeserklärung an Olga kaum punktete. Er sang sich schliesslich frei, doch das Problem ist ein anderes. Der äusserst sympathische und hervorragende Tenor singt hörbar zu viel. Vor zwei Jahren sang er noch Idomeneo und heuer, zwischen zwei Serien von "Maskenball" in Paris und London, sang er mehrere Male De Grieux, Werther und Lenski alternierend in Wien, um schliesslich 3 Tage später in Paris zwei Mal das Verdi Requiem zu singen. Die Stimme tendiert bereits ins spinto-Fach und sein typisch italienischer Gesang wird dem träumerischen russischen Poeten nicht wirklich gerecht. Das Singen quer durch die Tenor-Blumenwiese sollte de Sänger eher sparsam betreiben, bevor es zu spät ist.

Im letzten Bild des Festes bei Fürst Gremin lief zuerst Onegin in offenem Hemd (!) auf die Bühne, dann schritt der Chor paarweise im Schneckentempo die flache schwarze Stiege herab und schliesslich auch Fürst Gremin und Tajana. Friedhof-Stimmung zu Tschaikowskys Polonaise! Ain Anger als Fürst Gremin, der Hocharistokrat in Person, rettete die Situation. Die grosse Arie im letzten Akt, die oft gähnende Langeweile ausströmt, war von eindrucksvoller Ausdruckskraft und wurde vom Publikum mit grossem, verdienten Applaus bedacht. Erst in der Schlussszene kam so etwas wie Emotion auf. Hier konnte Simon Keenlyside seine Fähigkeiten und die Intensität seines Spiels zeigen und Tamar Iveri die Grösse des Verzichts Tatjanas in einem emotionellen Ausbruch gesanglich und schauspielerisch hinreissend vermitteln.

Von den Chargenrollen ist meist Gutes zu vermelden. Aura Twarowska war eine mütterliche Larina, die ihren angenehmen Alt schön anwendete. Als Filipjewna war Margareta Hintermeier zwar sehr besorgt um ihre Tatjana, was nicht hinderte, dass sie wunderschön sang. Wenig überzeugend war dafür der Monsieur Triquet von Alexander Kaimbacher, der allerdings an der blöden Verkleidung als Moderator einer Fernseh-Quiz-Sendung litt und auf der Tiefkühltruhe sein Liedchen sang. Sein Französisch könnte er etwas kultivieren. In den kleinen Rollen waren Hans Peter Kammerer / Hauptmann, Marcus Pelz / Saretzki und Oleg Zalytskiy / Vorsänger rollendeckend. Ach ja, es gab auch bei Larinas Fest eine Choreographie von Joanna Dudley, die eher ein Bacchanale darstellte. In Abwesenheit des Bühnenteams, wurden Sänger und Dirigent, sowie Chor und Orchester lautstark und triumphal gefeiert.

Wilhelm Guschlbauer (Frankreich)

PS: Auf dem Abendzettel wird angekündigt, dass man "eine kostenlose Brochüre mit den aktuellen Lebensläufen aller Künstler" der Saison bei den Billeteuren erhalten kann. Eine charmante Billeteuse informierte mich jedoch, dass diese Brochüre seit Wochen vergriffen sei und erst wieder im September aufgelegt wird. Schade!

PS2: Direktor Hollaender irrt: Im Hausblatt der Wiener Oper pro:log berichtet er kurz über den "russischen Macbeth" aus Novosibirsk in der Bastille Oper. An russischen Sängern gab es 3, die Lady Macbeth, Banquo und Macduff, die nur je 2 Mal sangen (von 11 Aufführungen). In dem vom griechischen Dirigenten Teodor Currentzis geleiteten "Macbeth" (einmal durch den Russen Piotr Belyakin ersetzt, aber nicht mit den russischen Sängern) sangen in neun Aufführungen: Violeta Urmana Lady Macbeth, Ferruccio Furlanetto Banquo und Stefano Secco Macduff. Der Grieche Dimitris Tiliakos in der Titelrolle und alle anderen Sänger sangen in allen elf Aufführungen. Aber das wissen die Merker-Leser sowieso (siehe Merker 05/2009).